Halbzeit in der ELF [Kommentar]

Halbzeit in der European League of Football (ELF) – Zeit für eine Zwischenbilanz in einem Kommentar. Der 6. Spieltag ist abgeschlossen und damit die Hälfte der regulären Saison in der neuen Liga vorbei. Eine Rückschau auf die Ereignisse der vergangenen Monate und Wochen ist da schon gestattet.

Anfänge mit viel Ärger und großen Ankündigungen

Es ist gerade sechs Wochen her, dass Commissioner Patrick Esume, CEO Zeljko Karajica, und ran-Sportchef Alexander Rösner die eröffnende Pressekonferenz abhielten. Dabei legten die Liga-Verantwortlichen die Messlatte sehr hoch – und die ELF ist nach diesem Kommentar bisher nicht drüber gekommen. Der Ärger mit der German Football League (GFL), die offen von Kannibalismus spricht, ist immer noch nicht ausgestanden. Zwischen beiden Ligen herrscht immer noch Funkstille, nachdem die ELF-Teams viele Trainer und Spieler aus der GFL rekrutierten.

Barcelona Dragons tatsächlich Reus Dragons

Die Team-Namen erinnern teilweise noch an die gute alte Zeit der NFL Europe. Frankfurt Galaxy, Hamburg Sea Devils, Barcelona Dragons und so weiter. Da fängt schon die erste Augenwischerei an. Es wird keiner erwarten, dass diese Teams gleich in den größten Stadien der Stadt spielen und diese bis auf den letzten Rang füllen. Das hat seinerzeit nicht einmal die NFL Europe geschafft. Aber wenn dann die Dragons nicht einmal mehr in Barcelona spielen, sondern im fast 100 Kilometer entfernten Reus, ist das sehr befremdlich. Auch wenn das Stadion dort Estadio Camp Nou Municipal heisst, es hat nichts mit dem legendären Camp Nou in der katalanischen Hauptstadt zu tun. Wenn dann auch noch der ran.de-Kommentator, wie am 24. Juli geschehen, beim Anpfiff in Reus von sich gibt: „Das Ei fliegt in Barcelona“, dann fühlt man sich schon etwas verschaukelt.

Und auch das Statement der drei Verantwortlichen „Wir haben Bock auf das Projekt“ kommt noch nicht so rüber. Beispielhaft ist hier nur der Internetauftritt der ELF zu nennen. Der erscheint einem erst einmal wie ein Flickenteppich von Werbebotschaften, die soviel zu tun haben mit American Football wie ein Grillabend mit einer Acht-Stunden-Schicht in einer Fabrik. Es fehlt nur noch die Werbung zu irgendwelchen Inkontinenzen und so weiter, die uns jeden Abend kurz vor 20 Uhr im TV nerven. Sechs Teams aus Deutschland, eins jeweils aus Spanien und Polen. Ein mehrsprachiges Angebot aber Fehlanzeige. Kommentar-Note für die ELF: nicht ausreichend.

Auch die Zusammenarbeit mit ran.de und ProSieben Maxx rumpelt

Auch die Zusammenarbeit mit ran.de und ProSieben Maxx rumpelt noch gehörig und ist verbesserungswürdig. Unvergessen der Livestream auf ran.de von der Partie Barcelona Dragons gegen Stuttgart Surge am 1. Spieltag. Kommentator Fehlanzeige, der Hauptschiedsrichter hatte zudem technische Probleme bei seinem Mikro, so dass seine Durchsagen kaum richtig durchkamen. Damit wurde die Übertragung zu einem Geisterspiel der besonderen Art. Aus diesem Fehler gelernt? Nicht so ganz. Wieder Samstagabend, diesmal Frankfurt Galaxy gegen die Barcelona Dragons am 17. Juli. Ran.de hat dann aber wenigstens nach zehn Minuten gemerkt, dass noch kein Kommentator da ist und scheinbar jemanden dazu verdonnert.

Den Verantwortlichen kann natürlich nicht angelastet werden, dass ein Unwetter am 4. Juli zunächst die Begegnung Frankfurt Galaxy gegen Panthers Wroclaw verweht hat. Dann aber erst einmal eine Konserve rausholen und später dazu gekommene Zuschauer damit irritieren? Ein No-go. Ein kleines Laufband hätte die Zuschauer informieren können, dass die Partie zu der Zeit gerade unterbrochen war.

Qualität noch ausbaufähig …

Auch die sportliche Qualität ist noch deutlich ausbaufähig, um den hohen Ansprüchen der Verantwortlichen gerecht zu werden. An den ersten Spieltagen hatte man den Eindruck, dass ELF etwas anderes bedeutet: European League of Flags. In mancher Begegnung lag auf fast jedem zweitem Spielzug eine Flagge der Schiedsrichter. Und hier kann man nicht gelten lassen, dass sich die Spieler in den Mannschaften noch nicht gut genug kennen. Viele Spieler wurden gemeinsam aus anderen Teams hochgezogen. Gut, es ist natürlich insgesamt bei jedem Team eine Zusammenstellung, die noch die Feinabstimmung braucht. Aber die unzähligen Flaggen wegen persönlicher Fouls haben damit nichts zu tun.

… dafür jede Menge Superlative

Dass die Kommentatoren dann mit Superlativen wie „Super-Quarterback“ und ähnlichem um sich werfen, ist nur schwer nachvollziehbar. Was sind dann Aaron Rodgers (Green Bay Packers) oder Tom „The GOAT“ Brady (Tampa Bay Buccaneers)? Eine Kette von Superlativen? Zweifelsfrei: Gute Leistungen kann man auch als solche benennen, muss dazu aber nicht eine Flut von Superlativen bemühen. Das grenzt an Selbstbeweihräucherung einer Liga, die noch lange nicht da ist, wo sie sein und hin will. Und Bemerkungen wie „Amerika schaut auf diese Liga“ (gefallen am 25. Juli) helfen da erst recht nicht. Die Verwandten der US-amerikanischen Spieler in der ELF, vielleicht. Die NFL ist gut mit dem College Football bedient, Quereinsteiger sind da äußerst selten.

Apropos Selbstbeweihräucherung. Es war in der gestrigen Übertragung aus Stuttgart (Surge gegen Cologne Centurions) schon richtig erholsam, dass einmal nicht der Commissioner Patrick Esume interviewt wurde. Vorher an jedem Sonntag in jeder Halbzeit. Das kann schon ätzend werden, wenn dann immer nur die gleichen Fragen gestellt werden.

Ausdruck einer Selbstüberschätzung ist auch der Preis für den Game-Pass, den Video-Stream der Liga. 99,99€ für die Saison! Das ist wohl ein Scherz? Der Game-Pass der NFL kostet 167,99€. Dafür gibt es den Zugang zur mit Abstand besten Liga der Welt und mehr als 270 Spielen mit einer ganzen Menge mehr interessanten Inhalten. Die ELF kann da nur einen Bruchteil von bieten.

Schlusspunkt im ELF-Kommentar: Ball etwas flacher halten, dann …

Schlusspunkt in diesem Kommentar: Die ELF hat noch eine Menge Stellschrauben zu justieren, um da hinzukommen, wo man mit der Liga hin will. Wenn nach dem 6. Spieltag auf der ELF-Seite noch nicht einmal mehr die Tabellen stimmen … Bis dahin sollte es heissen: Den Ball etwas flacher halten, dann kommt der Pass auch bei den Football-Fans an. In der momentanen Verfassung ist der Pass jedenfalls zwei Yards vor dem Verfasser verhungert.

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